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Transkarpatien

 

Weshalb gerade Transkarpatien?

Wozu überhaupt in eine Gegend reisen, von der die meisten Westeuropäer noch nicht einmal den Namen kennen? Die 50 Jahre währende Trennung hat im Westen eine seltsame Vorstellung von Europa erzeugt. Dieses „Europa“ hörte an der innerdeutschen Grenze auf. Warschau, Prag und Budapest – erst recht Moskau und Kiev – ein fremder Kontinent... Der „eiserne Vorhang“ ist Geschichte, viele mitteleuropäische Nationen sind heute Mitglieder der EU. Obwohl die vormals harten Grenzen durchlässiger geworden sind, werden die neuen Reisemöglichkeiten kaum genutzt – das Interesse an Ost- und Mitteleuropa bleibt bemerkenswert gering. Dabei ist Mitteleuropa wichtiger zum Verständnis Europas, als vieles, was wir besser kennen. Mitteleuropa hat eine reiche multikulturelle Tradition, die in Transkarpatien teilweise bewahrt wurde: Verschiedene Völker lebten und leben hier zusammen in einem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Abgrenzung und Gemeinschaft. Dieses multikulturelle Erbe ist für das im 20. Jahrhundert auseinander gerissene Europa ein wichtiger Erfahrungsschatz auf dem Weg zur neuerlichen Integration.

 

Mittelpunkt und Peripherie

Transkarpatien liegt in der südwestlichen Ecke der Ukraine, es grenzt an Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien. Durch seine Lage bietet es sich Reisenden aus dem Westen als Tor zur Ukraine an. Mit der Bahn ist es ab Zürich in 20 Stunden zu erreichen – ab Wien in weniger als 9 Stunden. Transkarpatien ist die kleinste Oblast (regionale Verwaltungseinheit) der Ukraine, mit 12'800 km2 umfasst seine Fläche knapp ein Drittel der Schweiz. Von Kiew aus gesehen liegt es jenseits der Karpaten – daher der Name. Der grösste Teil Transkarpatiens entfällt auf die Gebirgs- und Hügelregion der Waldkarpaten, im Süden reicht jedoch das Gebiet bis in die pannonische Tiefebene hinein. Der Hoverla ist mit 2061 m die höchste Erhebung der Ukraine. Im äussersten Nordosten Transkarptiens entspringt die Theiss, welche anschliessend ganz Ungarn durchquert und bei Belgrad in die Donau mündet. In Transkarpatien liegt zwar der geographische Mittelpunkt Europas, doch wahrgenommen wurde dieser Landstrich – wenn überhaupt – stets als am Rande liegend: Transkarpatien lag je nach Lage des jeweiligen Zentrums entweder ganz im Osten oder ganz im Westen – Grenzland war es allemal. Sei es an der Peripherie der Donaumonarchie, als östlicher Wurmfortsatz der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit oder als westlicher Vorposten der Sowjetunion nach 1945.

 

Hin- und hergeschoben

Transkarpatien gehörte über 1000 Jahre zum ungarischen Herrschaftsbereich, war aber seit jeher multiethisch und multireligiös geprägt: Hier löst sich das Eindeutige auf; Gewissheiten schwinden, Unbestimmtes greift ineinander, Transformation und Vermischung bestimmen das Bild. Dieser Übergangscharakter macht viel von der Faszination dieses eigenartigen Landstrichs aus. Allein seit 1918 wechselte seine Staatszughörigkeit sechs Mal. Bis zum Ende des ersten Weltkriegs gehörte Transkarpatien zur ungarischen Reichshälfte der Habsburger Monarchie. Bei der anschliessenden Neuordnung Europas wurde es zur Tschechoslowakei geschlagen. Als diese 1938/39 durch Hitlerdeutschland schrittweise zerschlagen wurde, erlebte Transkarpatien als „Karpatoukraine“ gar eine kurze Periode der Unabhängigkeit. Diese wurde durch den Einmarsch Ungarns im Frühjahr 1939 abrupt beendet. 1944 wurde ganz Ungarn von der deutschen Wehrmacht besetzt. Nach dem Krieg wurde Transkarpatien der Sowjetunion einverleibt und gelangte so wie die nördlich der Karpaten liegende Westukraine (Wolhynien, Galizien, Nordbukowina) zur Ukrainischen Sowjetrepublik, mit welcher es 1991 unabhängig wurde.


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Wald kann man nicht essen

Ein grosser Teil Transkarpatiens ist von Wald bedeckt. Landwirtschaftlich intensiv nutzbar ist nur die Tiefebene, wo dank des milden Klimas neben Mais auch Reben gedeihen. Der karge Boden in den Karpaten konnte die Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert hinein nie richtig ernähren. Hunger war ein häufiger Gast in den abgelegenen Tälern. Über 250'000 Menschen emigrierten allein zwischen 1870-1913, vornehmlich in die USA und nach Kanada. Daneben entwickelte sich in Transkarpatien schon früh eine ausgedehnte Arbeitsmigration. In habsburgischer Zeit zogen die Männer für Erntearbeiten bis in den Süden Ungarns. In der sowjetischen Epoche zog man über die Karpaten nach Norden. Neben Erntearbeiten im Getreidegürtel der Ukraine fanden viele auch als Bauarbeiter Beschäftigung. Heute setzt sich diese Tradition mit (oft illegaler) Arbeitsmigration nach Westeuropa fort. Der Wald wurde schon im 17. Jahrhundert intensiv genutzt – damals vor allem im Zusammenhang mit dem Salzabbau in Solotvino. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia siedelte eigens zu diesem Zweck österreichische Holzfäller aus dem Salzkammergut im oberen Teresvatal an – so entstand die deutsche Sprachinsel von Nimezka Mokra. Trotz intensiver Nutzung haben sich dank Schutzmassnahmen bis heute ausgedehnte Buchenurwälder erhalten.

 

Vielvölkerstaat im Kleinen

Die wechselhafte Geschichte Transkarpatiens spiegelt sich auch in seiner Bevölkerung. Zu jeder Epoche stellten die Ukrainer die Mehrheit (bis Mitte des 20.Jahrhunderts wurden sie als „Ruthenen“ bezeichnet, viele betrachten sich auch heute noch als „Rusynen“). Heute beträgt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von ca. 1,25 Mio. rund 78%. Die ungarische Bevölkerungsgruppe, welche vorwiegend in der Tiefebene siedelt, folgt an zweiter Stelle. Ihr Anteil liegt bei ca. 12%. Die restlichen 10% entfallen auf Russen, Rumänen, Slowaken, Roma, Deutsche und Juden sowie etliche weitere Minoritäten. Allerdings erzählen diese Zahlen nur wenig über die vielschichtige ethnische Identität der transkarpatischen Bevölkerung, die sich durch eine hohe „Mobilität“ auszeichnet – je nach politischer Opportunität kann die ethnische Zugehörigkeit auch gewechselt werden*. Ausserdem gibt es eine starke Durchmischung der Bevölkerung – kaum ein/e Transkarpatier/In, welche/r nicht einen ungarischen Grossvater oder aber eine jüdische oder deutsche Urgrossmutter in der Ahnengalerie aufzählen könnte. Viele der älteren Einwohner sprechen denn auch 3 oder gar 4 Sprachen fliessend.
*) So bezeichneten sich z.B. 1910 31% als „ungarisch“; 10 Jahre später waren es nur noch 18%. Dies lag zum Teil daran, dass 1910 nicht nach der Ethnie, sondern nach der Muttersprache gefragt wurde, dies war auch für viele städtische Juden das Ungarische. 1941 – Transkarpatien zählte nun wiederum zu Ungarn – stieg der ungarische Bevölkerungsanteil auf über 27%. Nur 5 Jahre später waren es plötzlich nur noch knapp 9%, denn zu Beginn der sowjetischen Epoche war es unangenehm bis gefährlich, sich zum Magyarentum zu bekennen.


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Jüdische Vergangenheit

Bis zum Holocaust war die jüdische Bevölkerung mit 12-15% in Transkarpatien ein wichtiges Element der multikulturellen Gesellschaft. Die meisten Juden waren im 19. Jh. von Norden her eingewandert – auf der Flucht vor Verelendung und Pogromen und angezogen durch die in Ungarn seit 1867 geltende Gleichberechtigung. Die städtischen Juden assimilierten sich teilweise mit der ungarischen Leitkultur. Die ländliche Mehrheit hielt jedoch an den religiösen Traditionen und der jiddischen Sprache fest und lebte ebenso rückständig und kümmerlich wie die ukrainischen Bauern – auch wenn in den meisten Dörfern die Dorfschenke und der Krämerladen in jüdischer Hand waren. Nach der Annexion durch Ungarn wurden die Juden zunehmend diskriminiert. Viele galten fortan als Ausländer, da sie keinen ungarischen Pass erhielten. Tausende dieser „Staatenlosen“ wurden nach Kamenez-Podolsk deportiert und von den Deutschen ermordet. Die Mehrheit konnte jedoch in Transkarpatien bis zum Frühjahr 1944 überleben. Nach der deutschen Besetzung Besetzung wurde die jüdische Bevölkerung in Ghettos konzentriert und nach Auschwitz deportiert. Über 80% wurden dort ermordet. Die meisten Überlebenden wanderten nach Israel aus. Synagogen und Bethäuser wurden als Lagerhallen, Clubs, Turnhallen, Mühlen oder Kinos zweckentfremdet – nur die Friedhöfe blieben.


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Daten aus der jüngeren Geschichte

1872 Eröfffnung der ersten Eisenbahnstrecke von Uschhorod nach Tschop
1897 Erste telegrafische Verbindung Uschhorod-Budapest
1902 wird in Uschhorod das erste Kraftwerk in Betrieb genommen
1907 Eröffnung des ersten Theaters in Uschhorod
1914 Beginn des 1. Weltkriegs. Im Oktober stehen die Russen in Jasinja, Rachiw und Volovez
1919 Nachkriegswirren mit ungarischer Räterepublik und teilweise rumänischer Besetzung (August), schlisslich Angliederung Transkarpatiens an die neugebildete Tschechoslowakische Republik
ab 1920 Wird Uschhorod zum administrativen Zentrum der tschechischen Karpatenukraine ausgebaut. Das Regionalparlament und ein modernes Regierungsviertel entsteht. 1921 erhält Uschhorod sein erstes Kino. In diesen Jahren erscheinen in Transkarpatien 60 Zeitungen; 22 davon in ungarischer, 10 in russischer, 9 in jiddischer, 4 in tschechischer, 4 in ukrainischer und 3 in deutscher Sprache
1927 Eröffnung der ersten Roma-Schule Europas in Uschhorod
1929 Eröffnung des Flugfelds in Uschhorod
1938 1. Wiener Schiedsspruch (2. Oktober): der Südwesten Transkarpatiens mit Uschhorod und Mukatschewo wird an Ungarn angeschlossen. Chust wird neue Hauptstadt der Karpatoukraine.
1939 15. März: Ungarn interveniert militärisch und annektiert auch die restliche Karpatoukraine
1941 Sommer: Die ungarischen Behörden schieben 18'000 „staatenlose“ Juden nach Kamenez-Podolsk ab, wo sie von SS-Sonderkommandos ermordet werden.
1944 März: Einmarsch der deutschen Wehrmacht, bis Juli Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung nach Auschwitz
1944 Ende September: Einmarsch der Roten Armee über die Karpaten, Rückzug der Wehrmacht und Flucht der deutschen Bevölkerung. Ende Oktober ist ganz Transkarpatien befreit.
1944 26. November: Kongress der „Volkskomitees“ in Mukatschewo, ein Manifest verlangt Vereinigung mit der Sowjetukraine
1945 29. Juni: In Moskau wird das offizielle Abkommen zwischen der Tschechoslowakei und der UdSSR über die Abtretung Transkarpatiens unterschrieben
ab 1946 forcierte wirtschaftliche Entwicklung nach sowjetischem Muster; Kollektivisierung der Landwirtschaft, Ausbau der Infrastruktur und des Bildungswesens. Starker Zuzug von Russen (Kader, Militärs). Russisch wird Sprache des öffentlichen Lebens. Als abgeschottete Grenzregion der Sowjetunion verschwindet die Karpatenukraine hinter dem „eisernen Vorhang“.
1986 Reaktorkatastrophe in Chernobyl. Tausende werden in die Sanatorien Transkarpatiens evakuiert.
1991 August: Putsch in Moskau, anschliessend Verbot der KPdSU.
1991 Volksabstimmung über die Unabhängigkeit der Ukraine
1996 Währungsreform, Einführung der Hryvnija
2000 Ermordung von Georgi Gongadse, Destabilisierung der Regierung Kutschma
2001 Abschluss der nuklearen Abrüstung der Ukraine
2004 April: Wahlbetrug bei Regionalwahlen in Mukatschewo findet internationale Beachtung
2004 21. November: Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen. Gut organisierte Volksbewegung erzwingt Wiederholung der Stichwahl
2004 26. Dezember: Oppositionsführer Juschtschenko gewinnt die Stichwahlen und wird Nachfolger von Leonid Kutschma

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