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| Eine Annäherung an die Ukraine Ein neuer Staat in Europa 15 Jahre nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ hat sich die Ukraine als europäische Nation etabliert. Europa ist durch die politischen Ereignisse seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion grösser, vielfältiger und komplexer geworden. Gegenden, die während fünfzig Jahren sozusagen auf einem anderen Kontinent lagen, erobern sich einen neuen Platz in unserem Bewusstsein. Wobei sich dieser Prozess im Bezug auf die Ukraine erst mit etlicher Verspätung Bahn bricht. Bis vor kurzem hatten die meisten Menschen in Westeuropa entweder gar keine Vorstellung von der Ukraine oder dann assoziierten sie etwa so: Tschernobyl, Armut, wirtschaftlicher und sozialer Zerfall, Korruption, mafiöse Staatsstrukturen, postsowjetischer Mief. Kurz: Ein unattraktives Land hinter der Schengen-Grenze, nicht europatauglich. Eines der grössten europäischen Länder mit gegen 50 Millionen Bevölkerung war nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ kurz sichtbar geworden und sogleich wieder in „Halb-Asien“ verschwunden. Romano Prodi verkündete noch im April 2004, die Ukraine werde niemals in die EU aufgenommen werden, allenfalls als „neuen Nachbarn“ könne man dieses Land zweifelhafter Zugehörigkeit in Betracht ziehen. Die „Revolution in Orange“ vom November 2004 überraschte rundum. Kaum jemand – schon gar nicht in Westeuropa – hatte mit einem solchen Auftritt der Zivilgesellschaft gerechnet. Diese Wende wird die Ukraine nachhaltig verwandeln und somit auch bei uns eine Neubewertung in Gang setzen.
Unerwartete Unabhängigkeit Der Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 traf die Ukraine wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der plötzlichen Selbständigkeit ging kein Unabhängigkeitskampf voraus. Mit Ausnahme einer kurzen Episode während der Revolutionswirren – damals wurde in Kiew ein kurzlebiger ukrainischer Staat ausgerufen, den die Rote Armee bald zurückeroberte – hatte es nie eine unabhängige Ukraine gegeben. Das Volk hatte kaum einen Einfluss auf die Ereignisse und sah sich von einem Tag auf den anderen vom Kopf auf die Füsse gestellt. Diese Erschütterung war gewaltig: Ideologische Werte lösten sich im Nichts auf, viele materielle Werte (wie zum Beispiel die Sparguthaben) wurden vernichtet oder einer gigantischen Umverteilung zu Gunsten Weniger unterzogen. Nach einer kurzen Phase des Aufbruchs erstarrten die politischen Strukturen zu einer „gelenkten“ Demokratie. In Wirklichkeit wurde das Land von mächtigen Seilschaften bestehend aus Teilen der alten Nomenklatura und neureichen Oligarchen regiert, welche namentlich auch die Medien kontrollierten. Kriminelle Machenschaften, Menschenrechtsverletzungen, Polizeiwillkür, Korruption und eine eingeschüchterte und verarmte Bevölkerung waren das Resultat. Noch 2004 fühlten sich die „Paten“ hinter Kutschma stark genug, die Wahlen dreister denn je zu fälschen und mit Janukowitsch einen Kandidaten zu installieren, der für die Kontinuität des Unrechtsregimes garantierte. All dies wurde durch Putins Russland gedeckt.
Grenze als Schicksal „Ukraina“ heisst wörtlich übersetzt „an der Grenze“ oder „am Rand“. Diese Grenzsituation hat die Ukraine teuer bezahlt. Über Jahrhunderte hinweg lag sie im Schnittpunkt europäischer Grossmachtinteressen. Polnische Fürsten, russische Zaren, osmanische Sultane, österreichische Kaiser und bolschewistische Revolutionäre stritten um dieses Land; Hunnen und Mongolen überzogen es mit verheerenden Raubzügen. Bis 1991 war die Ukraine stets fremdbestimmt: Vor dem 1. Weltkrieg standen sich in der Ukraine die Donaumonarchie und das Zarenreich gegenüber. In der Zwischenkriegszeit war der Westen polnisch, der Osten sowjetisch. In diesem Teil wurde die Zwangskollektivierung unter Stalin mit einer organisierten Hungersnot durchgesetzt, die schätzungsweise 5 Millionen Tote forderte. Kaum ein Jahrzehnt darauf folgte die nächste Katastrophe: Die Ukraine wurde zum Aufmarschgebiet für die grössenwahnsinnigen deutschen Eroberungs- und Vernichtungspläne. Teile der ukrainischen Bevölkerung kollaborierten in der Hoffnung auf Befreiung aus polnischer bzw. sowjetischer Herrschaft mit den Deutschen und liessen sich willig in den Massenmord an ihren jüdischen Mitbürgern einbinden. In der vor dem Krieg polnischen Westukraine ging der 2. Weltkrieg nahtlos in einen bisher kaum aufgearbeiteten Partisanenkrieg über, der sich beidermassen gegen die ehemaligen polnische wie auch gegen die vordringende neue sowjetische Macht richtete und bis in die Fünfzigerjahre schwelte.
Ostjüdische
Heimat Bis zur Katastrophe des Holocaust war die Ukraine auch ein Kernland ostjüdischer Kultur. Hier lagen sowohl die Wurzeln des Chassidismus als auch pulsierende jüdisch geprägte Zentren wie Tschernivtsi (Czernowitz) oder Lviv (Lemberg). Hier fanden sich die sprichwörtlichen Schtetl mit ihrer erdrückenden Armut und der trotzigen Gelehrsamkeit ihrer Jeschivas: Berditschew, Czortkow, Tarnopol oder Wischnitz. Städte mit zwanzig, dreissig oder auch fünfzig Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil waren keine Seltenheit. Eine Synagoge gehörte in jede Kleinstadt – so gut wie die katholische oder die orthodoxe Kirche (oder beide). Kinderreichtum und bittere Armut prägten den jüdischen Alltag. Trotzdem herrschte ein latenter Antisemitismus, der sich aus mittelalterlichen Ritualmordlegenden oder wirtschaftlichem Neid auf einzelne Exponenten wie den jüdischen Schankwirt, den Dorfladenbesitzer, den Rechtsanwalt, Arzt oder Fabrikanten nährte. Den Deutschen gelang es mit Leichtigkeit, ukrainische Helfershelfer für ihre Ausrottungspolitik zu rekrutieren – grausame Pogrome hatte es hier unter Chmelnitzki im 17. Jahrhundert ebenso gegeben wie unter Petljura nach dem 1. Weltkrieg. Heute ist die Ukraine übersät mit ruinierten Synagogen und jüdischen Friedhöfen. Joseph Roth, Bruno Schulz, Manés Sperber, Paul Celan, Rose Ausländer, Karl Emil Franzos, Soma Morgenstern, Józef Wittlin und weitere in der Ukraine geborene jüdische Schriftsteller haben dieser Welt ein literarisches Denkmal gesetzt. Und die Meisten taten dies in deutscher Sprache, die Ihnen die Sprache ihrer Leitkultur und der Emanzipation war…
Gewaltsame ethnische Homogenisierung ohne Nationsbildung Die Vernichtung der jüdischen Mitbürger war zwar das bei weitem grösste Verbrechen, jedoch nicht der letzte Akt bei der Eliminierung der ethnischen Minderheiten. Bis zum 2. Weltkrieg war die Ukraine ein Vielvölkerstaat. Neben der ukrainischen Mehrheit lebten Juden, Polen, Deutsche, Russen, Armenier, Krimtataren, Griechen, Rumänen, Ungarn und viele andere Minderheitenvölker. Der deutsche Angriff gegen Polen und die Sowjetunion verdrängte zunächst beide bis dahin über die Ukraine herrschenden Mächte. In der Westukraine spekulierten nationalistische Kreise auf einen ukrainischen Staat – für den es jedoch in der deutschen Unterwerfungsstrategie keinen Platz gab. Aber der ukrainische Nationalismus war geweckt und richtete sich beim Rückzug der deutschen Wehrmacht gegen die polnische Minderheit, die pauschal als „polnische Herrschaft“ ins Visier genommen wurde. Zehntausende Polen und Ukrainer starben in diesem „Krieg im Krieg“. Die „Lösung“ des Konflikts bestand in dem durch Stalin erzwungenen Bevölkerungsaustausch über die neue sowjetisch-polnische Grenze: Polen aus der Westukraine wurden nach Polen abgeschoben, der polnische Staat deportierte „seine“ Ukrainer in die Sowjetunion oder die neuen polnischen Westgebiete. Die Deutschen waren bereits 1941 aus der Ukraine „heim ins Reich“ evakuiert worden, die Krimtataren wurden von Stalin deportiert, die Juden waren zu einem grossen Teil ermordet, die Polen im Bürgerkrieg umgebracht oder nach Polen zwangsumgesiedelt: Die Ukrainer – ebenfalls durch Millionen Kriegsopfer reduziert – waren nun weitgehend unter sich. Aber 50 Jahre Sowjetmacht und Russifizierung waren das Resultat des Kriegs, nicht die Entstehung einer ukrainischen Nation.
Zerrissen zwischen Ost und West Der ukrainische Osten liegt seit Jahrhunderten im Einflussbereich Russlands und teilte seine Geschichte schon vor der Oktoberrevolution. Dort lag die Kornkammer der Sowjetunion, dort liegen die Zentren von Bergbau und Schwerindustrie. Charkov, die Krim oder das Donbass sprechen und fühlen russisch. Kiev ist zwar die Hauptstadt der Ukraine – aber als ehemaliges Zentrum der „Kiever Rus“ gleichzeitig auch die Wiege russischer Staatlichkeit. Der Westen mit seiner habsburgisch-polnischen Vergangenheit hat eine gänzlich andere Geschichte. Zwar fand sich in Galizien das erste europäische Erdölvorkommen; aber im Grossen und Ganzen blieb die Westukraine bis zur Sowjetepoche stets Peripherie – ein ausgebeutetes, unterentwickeltes und überbevölkertes Agrarland, dessen Einwohner von den polnischen, österreichischen und ungarischen Herrschern als Untertanen zweiter Klasse behandelt wurden. Die ukrainische Sprache galt als unkultivierter Bauerndialekt und blieb selbst zu Sowjetzeiten in private Lebensbereiche verbannt. Für Schulen, Behörden, Medien und Kultur war die russische Sprache Pflicht. Vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte von Unterdrückung und Verwüstung leuchtet es ein, dass sich die Ukraine mit ihrer Selbstfindung schwer tut. Damit nicht genug: Auch um die Seelen des ukrainischen Volks wurde stets eifrig gestritten. Mitten durch die Ukraine verläuft die Trennlinie zwischen katholischer (unierter) und orthodoxer Kirche. Nach fünfzig Jahren behördlich verordnetem Atheismus ist auch diese Auseinandersetzung neu entflammt. Wie stark all diese unterschiedlichen Identitäten bis heute nachwirken, haben die Wahlen von 2004 mit aller Deutlichkeit aufgezeigt. Die aussenpolitische Balance zwischen Russland und der EU und die Wahrung der staatlichen Einheit bleiben unter diesen Umständen eine schwierige Gratwanderung.
Festigung von Demokratie und Zivilgesellschaft Zwar ist die unselige
Konfrontation des kalten Kriegs Geschichte. Ein grenzenloses Europa ist dennoch
nicht in Sicht: An die Stelle des „eisernen Vorhangs“ ist die EU-Aussengrenze
getreten. Und die Ukraine liegt jenseits dieser Linie, die in zunehmenden Mass
„Kerneuropa“ von „Resteuropa“ trennt. Auch wenn die EU Juschtschenko Beifall klatscht:
Mit fast 50 Millionen Einwohnern und einem Pro-Kopf- Bruttosozialprodukt, welches
nur halb so gross ist wie jenes der ärmsten EU-Mitglieder, kann die EU-Mitgliedschaft
auch aus wirtschaftlichen Gründen nur ein Fernziel sein. Juschtschenko ist weder
ein „Agent des Westens“ noch ein Vorzeigedemokrat. Er hat genauso unter Kutschma
gedient, wie dies auch für Janukowitsch vorgesehen war. Aber im Unterschied zu
Vielen, die jetzt erst die Seite wechseln, hat er sich zu einer Zeit gegen das
herrschende Regime gestellt, als dies noch keineswegs Erfolg versprechend, sondern
in seinem persönlichen Fall gar lebensgefährlich war. Er konnte dadurch zum glaubwürdigen
Kristallisationspunkt einer Bewegung mit der gemeinsamen Losung „Kutschma muss
weg“ werden. Nach dem Wegfall dieses kleinsten gemeinsamen Nenners beginnt in
der Ukraine die Ausformung einer differenzierten Zivilgesellschaft. Die bunt zusammengewürfelte
Opposition von Ultranationalisten über Demokraten, Opportunisten, Alternativen
bis hin zu Sozialisten und marktgläubigen Liberalen wird seine bisher verdeckten
Widersprüche ausfechten müssen. Dass dies überhaupt möglich wird, ist schon ein
mittleres Wunder, denn vor der Wahlbewegung 2004 war die Zivilgesellschaft nur
in sehr lokalen und beschränkten Initiativen auszumachen. ©
Urs Fankhauser / Dezember 2004 | |||||||||||||||||||||||||||||||||
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